Internationale Filmfestspiele Berlin

IFB 97: Pressespiegel

--> 02.01.1997 Berlinale künftig in Berlins Mitte?
von Holger Kreitling
In: Der Tagesspiegel
--> ?.01.1997    

Berlinale künftig in Berlins Mitte?

Von Holger Kreitling

In: Der Tagesspiegel, Do, 2. Januar 1997

Die Filmfestspiele vor dem Jubiläum ihres 50jährigen Bestehens: Der Potsdamer Platz lockt, aber auch die angestammte Gegend am Zoo macht ihre Vorteile geltend.

Im Jahr 2000 wird die Berlinale feiern. Seit 50 Jahren gibt es dann die Filmfestspiele in Berlin, seit 30 Jahren das Internationale Forum des Jungen Films. Das ist Grund genug zu, übrigens gemeinsamen, Feiern. Das wird ein Defilee geben. Rote Teppiche, kilometerlang. Stars in Rudeln. Alle Hotels ausgebucht. Die Filme so gut wie nie. Ein richtiges rundes Jubellubiläum. Aber wo wird das Spektakel eigentlich stattfinden? Ist die Berlinale dann noch am angestammten Platz rund um den Breitscheidplatz? Oder ganz woanders, wo heute noch Baustelle ist? Da geht durch Berlin ein Achselzucken, so behäbig und unentschlossen, als hätten die Herren P. Handke und W. Wenders ein Drehbuch des Titels "Die aller neuesten Wolken am Himmel über Berlin" verfaßt.

Seit es den Potsdamer Platz wieder geben wird, soll die Berlinale an den Potsdamer Platz. In die neue Mitte, wo der Puls der neuen Zeit schlagen soll. Und tatsächlich ist der Ort denkbar geeignet. Jeweils ein MultiplexKino werden bei de bis und bei Sony gebaut, mit insgesamt 29 Sälen, dazu zwei riesige Imax-3-D-Kinos. Im Sony-Komplex residiert das Filmhaus mit dem großzügigen Film Museum, der Deutschen Mediathek und der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Die Freunde der Kinemathek bekommen zwei Kinos gebaut, damit die Besucher des "Arsenal" unter anderem im Winter nicht immer mit Schnupfen heim gehen müssen, weil es dort so zieht. Alles in diesem neuen Stadtteil ist das ganze lahr von Kopf bis Fuß auf Kino eingestellt. Musical-Theater, Variete, Spielbank und Hotels tun ein übriges. Für den in und um Berlin so gerne geforderten Glamour, für Lichtkanonen und Blitzgewitter ist der Potsdamer Platz geradezu ideal. überdies braucht ein Neuanfang vom Reißbrett, wie es die Bebauung zweifellos darstellt dringend derartige öffentlichkeitswirksamen Schübe. Ohne Publikum ist eine Stadt nichts, und ein leerer Stadtteil mitten mang wäre nicht nur für die Bauherren eine Katastrophe.

Die Idee selbst war sofort da. Absichtserklärungen, unter anderem vom Regierenden Bürgermeister, gibt es viele. Pläne auch. Konkret: Die Wettbewerbsvorführungen der Berlinale zum Beispiel sollen im Musical-Theater bei de bis gezeigt werden; mit 1700 Plätzen wäre die Spielstätte gegenüber dem Zoo-Palast eine echte Verbesserung. Auch bei der Flebbe-Kinotheater GmbH dem Betreiber des 3500 Plätze umfassenden "Cinemaxx" im debis-Komplex, rechnet man fest mit der Berlinale. "Sechs oder sieben Kinos sind relativ klein, haben Studiogröße, das ist für ein ,Cinemaxx' ungewöhnlich", sagt Sprecher Thomas Schutz. Hier sollen die nicht-öffentlichen Vorführungen des "European Filmmarket", der Filmmesse, stattfinden. Schutz glaubt, daß es bereits feste Verträge zwischen der Festpniel GmhH und debis gibt es.

Dem aber ist nicht so. Der Teufel steckt nicht mal im Detail. Schon beim Groben klappt es nicht. "Es gibt noch keine Entscheidung. Es gibt noch keine Verträge. Es gibt nicht einmal richtige Gespräche", sagt Wolfgang Abramovski von der Senatsverwaltung für Kultur beschwörend. Und: "Wir müssen Konditionen kriegen, die machbar sind." Es geht in dem Tauziehen weniger um das Geld, also um Miete, sondern um Raum. Es ist nämlich mehr nötig als ein paar Kinos und Platz für Journalisten für zweiWodlen im Februar. Wenn die Berlinale komplett umzieht - und das soll sie -, braucht sie ganzjährig Büroräume und ein Film Lager. Es müssen Filme gesichtet und bearbeitet werden können, auch das ganze Jahr über. Vor und während der Filmfestspiele müssen die verschiedenen Sektionen, vor allem die große Filmmesse mit vielen Ständen, untergebracht werden, es muß ein Pressezentrum da sein, und alles soll nahe beieinander sein. Moritz de Hadeln hat als Festivalchef zwischenzeitlich mitgeteilt, daß der von de bis bisher ein geplante Platz nicht ausreicht. Die Berlinale soll sich nicht verschlechtern, heißt es jetzt unisono beim Senat und bei der Festspiel GmbH. "Die Politik ist guten Willens. aber de bis muß Angebote machen. "Dazu können wir nichts sagen", heißt es bei debis.

Ohnehin ist die Vorstellung einer zentralisierten Berlinale eine Chimäre. Dafür sind die Filmfestspiele zu groß und die Kinos vor Ort zu klein. Dieter Schmidt, Leiter der Administration der Filmfestspiele, verweist auf die großen Kinos Delphi, Royal-Palast, Urania in der City-West, die alle um die 1000 Sitzplätze haben und auf die nicht verzichtet werden wird, weil die Wettbewerbswiederholungerl, das Panorama und das Forum nun mal viel Publikum anziehen. Das größte Haus im "Cinemaxx" am Potsdamer Platz faßt aber nur 700 Zuschauer - zu wenig. "Wir sind mit der Situation mit den Spielstätten rund um den Breitscheidplatz sehr glücklich", sagt Schmidt deutlich. Hier ist die anderswo auch immer geforderte Fußläufigkeit erreicht. Hier way man, was man hat. Schmied verweist auf die zehntausend akkreditierten Gäste, denen man nicht zumuten könne, "in einen Bereich zu ziehen, in dem das Umfeld nicht stimmt". Aber stimmt es denn gleich ab der Jahrtausend wende? Es klingt, als würden die in Berlin nicht gerade wohlgelittenen Bonn-Befürworter gegen den Umzug der Regierung sp rechen. Eine neue Umzugs-Debatte!

Entscheiden muß diese Fragen das Kuratorium der Festspiel GmbH, in dem Vertreter von Bund und Land sitzen, mit Kultur Senator Radunski als Vorsitzen dem. Der muß natürlich mehr Stadt politischen Weitblick walten lassen als die Festspiele. Die Verträge mit dern Zoo-Palast als Wettbewerbskino sind langfristig gesichert. Die Büroräume der Filmfestspiele in der Budapester Straße müssen 1999 verlängert werden - oder eben nicht. Eigentlich kommen Umzugs Gedanken für die Berlinale. zur Unzeit. Erst 1996 wurde das Pressezentrum, wo nicht nur die Vorführungen, sondern auch die reklamemachenden Pressekonferenzen stattfanden, erstmals wieder von der - wenig geliebten - Kongreßhalle an den Zoo verlegt. Wiedervereinigung, hieß es allenthalben. Publikum und Presse wieder Seite an Seite. Nie wieder Verbannung! Den ganzen Troß in drei jahren an den Potsdamer Platz zu verlegen, wird schwierig werden. Es dräut damit der allseits beschimpfte Status quo ante. Und es könnte die Rückkehr der Kleinbusse bedeuten, die Wartende durch das frostige Februar-Berlin fahren und den Ortsunkundigen nebenbei im Tiergarten erklären, daß hier einmal Regierung und Parlament sein werden.


(epd Film 1/97) Die Berlinale wird bis zum Jahre 2000 in unveränderter Form bestehen bleiben. Dies bezieht sich sowohl auf die Gliederung in die Sektionen Wettbewerb und Forum, als auch auf den Termin und die Räumlichkeiten.

Der Vorschlag des Berliner Kultursenators Radunski, Wettbewerb und Forum zu trennen und das Forum in den Sommer zu verlegen, stieß in der Filmöffentlichkeit auf heftige Ablehung.

Im Jahr 2000 wird die Berlinale dann voraussichtlich zum Potsdamer Platz umziehen.